Genesis in Sende

Ich bin in der Nachkriegszeit in Sende aufgewachsen. Das ist ein kleines, bäuerlich ausgerichtetes Streudorf nicht weit entfernt von Bielefeld und ganz weit weg von allem, was städtisch oder modern  wäre. Ich habe eine sehr schöne und auch abenteuerliche Kindheit dort verbracht. Ich lebte dort mit meiner „Großmama“,  meinem  Opa und meinem Onkel Willi (der aber nur 11 Jahre älter war als ich). Meine Großeltern wurden aus Schlesien vertrieben und mein Opa bekam in Sende eine Lehrerstelle an einer Zwergenschule ( nein keine Schule für kleine Kinder, sondern die 8 Volksschulklassen alle in einem Raum und von einem Lehrer auf Trab gehalten).

Die Bezahlung für einen Lehrer war in dieser Zeit sehr mäßig, aber wir hatten ja dafür eine ordentliche Ackerlandfläche und auch einen Stall dazu bekommen. So konnte und musste man fast alle Dinge des täglichen Bedarfs wie Kartoffeln, Gemüse, Kräuter,  Obst etc. selbst anbauen. Im dazugehörenden Stallgebäude waren Schweine, Schafe und Hühner untergebracht.

Meine Großmama war eine sehr tüchtige, resolute, intelligente und liebevolle Frau. Wenn ich zurückdenke, was da alles von frühmorgens bis abends an Pflichten und Aktivitäten bei ihr auf dem Programm stand – Wahnsinn. Ein viel zitierter Spruch war daher auch „Nichts ist schwerer zu ertragen, als eine Reihe von guten Tagen“ –  aber gottseidank gab es ja immer was zu tun. Für mich blieb da tagsüber nicht viel Zeit übrig und daher musste bzw. durfte ich mich viel mit eigenen Projekten beschäftigen. Ich habe dieses Privileg intensiv genutzt und war vor der Schulzeit eigentlich nur zu den Mahlzeiten zu Hause und ansonsten in der Gegend auf Entdeckungstour. Ich musste alles ausprobieren, erforschen, meine Nase reinstecken, selbst machen. Da war es günstig, dass es viele interessante Objekte in der Umgebung gab.  Da waren zum einen die bäuerlichen Tätigkeiten, die immer mein Interesse weckten. Bei der Heuernte etwa fuhren damals große mit Pferden bespannte Heu-Leiterwägen auf die Wiesen, die ganze Familie half beim Zusammenrechen und die starken Männer gabelten dann das Heu auf die Wägen. Ich mit meinen 3 oder vier Jahren war mitten dazwischen,  hab‘ dem Bauer die Forke aus der Hand genommen und das Heu auf den Wagen zu bringen versucht. Ich kann mich nicht erinnern ob es mir gelungen ist aber ich weiß noch, dass man mich freundlich hat probieren lassen. Oder bei der Kartoffel-Ernte, die damals noch weitgehend ohne Maschinen stattfand, habe ich mit nach den Kartoffeln gebuddelt und sicher auch einige gefunden.

Auf weniger Gegenliebe sind meine Erkundungstouren an Sonntagvormittagen gestoßen. Ich habe schon mit 3 – 4 Jahren längere Spaziergänge in die Nachbarschaft gemacht (heutzutage wohl undenkbar) und traf hier in der Regel auch auf nette Nachbarn, die mich dann z.B. mal in den Stall schauen ließen. Am Sonntagvormittag waren aber alle in der Kirche in Verl (dem nächstgelegenen Städtchen) und der Hof daher menschenleer. Das gab es viel zu inspizieren. Einmal hatte der Nachbar einige Farbtöpfe vor der Haustür stehen gelassen. Die Farben habe ich dann alle an der Tür ausprobiert. Etwas später haben wir dann auch Besuch vom Nachbarn bekommen, der die bunte Eingangstür auch gleich richtig zuordnen konnte. Der gleiche Nachbar wunderte sich einige Zeit später warum nach der Rückkehr aus der Kirche er seine Kühe auf der Straße vorfand anstatt im zuvor sorgsam verschlossenen Stall. Danach musste ich dann am Sonntag wohl mit in die Kirche, kein guter Tausch.

Wenn man in so jungen Jahren so viele Freiheiten hat, ist das natürlich potentiell auch gefährlich. Einmal hat mich nur der  7. Sinn meiner  Großmama vor einem höchst unangenehmen Ende bewahrt. Etwa 500 m von unserem Haus entfernt gab es ein Dickicht mit einer kleinen Sandgrube, in der auch Karnickel ihre Gänge gebuddelt hatten. In dem Sand habe ich gern gespielt und kam dann irgendwann auch auf die verrückte Idee, in einen der größeren Gänge zu kriechen, um zu schauen wie er weitergeht und wo er endet. Weit bin ich nicht gekommen, sondern steckengeblieben. Die Entfernung nach Hause war sicher zu groß, als dass man noch dazu gedämpfte Kinderschreie hätte hören können. Trotzdem hat Großmama irgendwann  den Impuls bekommen, mal zu schauen, wo ich stecke. Als sie mich an den üblichen Stellen nicht fand, ging sie dann nach mir zu suchen und eine innere Stimme leitete sie in diese Sandgrube. Sie hat mir später erzählt, dass sie nur noch meine Füße aus einem Loch ragen sah, das Schlimmste befürchtete,  aber mich dann zu ihrer Erleichterung  ganz ohne Schaden aus dem Loch ziehen konnte.

Ein weiteres Großereignis fand an dem Tag statt, an dem ich, etwa dreijährig, herausfinden wollte, ob Heu brennt. Das Versuchsmaterial war haufenweise auf dem Stallboden gelagert und als Winterfutter für das Vieh gedacht. Ich hatte nur die reine Wissenschaft und nichts Böses im Sinn und habe daher auch umsichtig ein kleines Häufchen Heu für meinen Versuch isoliert und siehe da, es brannte, sogar sehr gut, da strohtrocken. Dann habe ich es ausgetreten und wollte damit das Experiment beenden. Dabei stieg mir aber Rauch in die Augen, ich konnte nichts mehr sehen, bekam Panik und habe den Heuboden fluchtartig verlassen. Aus der Scheune stürzend  begegnete mir Großmama. Ich wies nur panisch auf den Heuboden und rannte so schnell ich konnte weg. Durch die frühe Entdeckung des Brandes konnten alle Tiere gerettet werden. Ich verfolgte das feurige Schauspiel aus einem gegenüberliegenden Graben. Die Feuerwehr kam natürlich viel zu spät  und um die Scheune herum hatte sich mittlerweile die halbe Gemeinde versammelt und fachsimpelte über das Gesehene. Einer von den Nachbarn entdeckte mich dann im Graben und führte mich meinen Großeltern zu. Hier hatte man grad andere Sorgen, dass mir nichts passiert war, wusste Großmama ja. Ich wurde also erst mal ohne Strafe in das Zimmer meiner abwesenden Tante Rose gesperrt. Später kam dann die Polizei, man ließ sich den Ablauf erklären und stockte dann bei dem Punkt, dass ein Dreijähriger die Scheune abgefackelt haben sollte, ein Versicherungsbetrug musste ausgeschlossen werden. Also wurde ich geholt. Ich hatte inzwischen den Lippenstift meiner Tante entdeckt und mir damit eine Indianerbemalung verpasst. Also meine Oma mich so sah, ist ihr dann doch der Geduldsfaden mit einem lauten Knall gerissen und ich bekam ordentlich was auf den Hintern (soweit ich mich erinnern kann, das erste und letzte Mal). Da kam ich dann verheult, verschmiert aber sonst guter Dinge in die Küche, wo ziemlich viele Leut‘ versammelt waren – neben unserer Familie und den Polizisten noch Versicherungsbeamte. Denen musste ich dann demonstrieren, wie ich an die „kindersicher“  im Schrank ganz oben versteckten Streichhölzer gekommen war – ein Kinderspiel, einfach Stuhl rangeschoben und schon hatte ich sie.  Erwähnenswert ist noch dass in den folgenden Monaten in der Nachbarschaft noch zwei weitere Scheunen den Flammen zum Opfer fielen, auch sie wurden von kleinen Jungens in Brand gesteckt.

Das größte für mich waren aber Bäche, genauer das Stauen von Bächen. Sobald ich an einem Bach kam wurde ich wie von einem Zauber erfasst und war von dem Gedanken besessen, den Bach zu stauen und den Wasserstand anzuheben. Bei kleinen Bächen war das nicht schwer, hier bestand die Kunst darin, mit den vorhandenen Materialen den Staudamm derart stabil zu errichten, dass er auch noch nach einigen Stunden und dem entsprechenden Anstieg des Wasserpegels dem Druck standhielt. Aber Übung macht den Meister, über viele Fehlversuche hatte ich durch kontinuierliche Praxis immer besser gelernt,  erfolgreiche Stauprojekte in Gang zu bringen und vorzeitige Dammbrüche zu vermeiden. So habe ich dann einige durchaus bemerkenswerte Überschwemmungen generieren können. Da die Bäche oft Entwässerungsgräben für Wiesen darstellten, war das Resultat dann eine überflutete Wiese und ein zorniger Bauer, der sich bei meinen Großeltern beschwerte. Irgendwie war es in der Umgebung wohl bekannt, wer als Urheber für solchen Ärger in Frage kam.

Wir hatten auch Hühner, darunter ein Huhn, mit dem ich mich angefreundet hatte. Es oder besser sie hatte eine Art Beziehung zu mir entwickelt. Ich konnte sie unter den Arm klemmen und auf meinen kleinen Ausflügen mitnehmen und sie dann irgendwo auf den Boden setzen. Dann pickte sie die Umgebung ab, ging aber nie weiter von mir weg und war vielleicht so eine Art Hundeersatz (den ich mir auch sehnlichst wünschte) für mich. Zu meinem großen Kummer waren die Zeiten damals nicht so, dass unsere Freundschaft ihre Lebenserwartung verlängern konnte und so landete sie irgendwann im Kochtopf, was ich mit Nahrungsverweigerung beant-wortet habe. Als der Hunger dann aber größer wurde, habe ich es nicht durchgehalten.

Unsere Schafe bekamen einmal im Jahr Lämmer (keine Ahnung wie das funktionierte, denn einen Bock hatten wir nicht) und mit den jungen Böckchen hatte ich immer viel Spaß. Wenn man ihren Kopf, dort wo sich die späteren Hörner schon als Knospen  abzeichneten, anstubste, kamen sie in Kampflaune und  wir haben „Ich bin der Stärkere“ gespielt. Und sie waren sehr liebenswerte Spielkameraden, die tollpatschig und neugierig sich zu manchen Aktivitäten animieren ließen und treu hinter einem her trotteten. Leider hatten auch die Böckchen hinsichtlich ihrer Lebenserwartung schlechte Karten und wurden irgendwann (vorzugsweise wenn ich nicht da war) abgeholt.

Die beiden Schafe, die uns mit Milch und Wolle (ich glaube, sie wurde zum Füllen von Kissen verwendet) versorgten, wurden tagsüber auf die Wiese geführt und grasten dann, an einer Kette angebunden, alles in ihrer Reichweite ab. Die Kette wurde mit einem Spieß in der Wiese fixiert und ein oder zweimal am Tag musste dieser Spieß dann versetzt werden. Diese Aufgabe wurde bald an mich delegiert. Da ich den sehr spitzen Spieß noch nicht mit meinem Gewicht in den Boden drücken konnte, musste ich mächtig ausholen und ihn dann mit voller Kraft in den Boden donnern. Dabei habe ich dann einmal meinen Fuß erwischt und den Spieß durch Schuh und Fuß hindurch gestoßen.  Das Ergebnis war ein großer Schmerz, viel Geschrei und mein erster Arztbesuch. Das war damals gar nicht so einfach, da wir natürlich kein Auto hatten und Hausbesuche erst ab Diagnose „halbtot“ möglich gewesen wären. Also bin ich von meinem Opa auf dem Gepäckträger seines Fahrrads (Kindersitze gab es nicht, aber Raster am Rahmen, auf denen man seine Füße abstellen konnte) in die mehrere Km entfernte nächste Arztpraxis gefahren. Medizinisch hatte ich aber Glück, außer einer Narbe ist nichts übrig geblieben.

Meine Großmama hat mir abends, wenn  die Aufgaben erledigt waren, viele Geschich-ten aus ihrer Kindheit in Schlesien erzählt. Sie konnte sehr lebendig  erzählen und meine Urfamilie und die schlesische Heimat sind mir so auch ein wenig vertraut geworden. Sie hat mir auch viel vorgelesen. Da wir in der Schule auch die Gemeindebücherei verwalteten und alle neuen Bücher zuerst bei uns landeten, war immer reichlich Lesestoff vorhanden. Bald war ich begierig, selbst lesen und auch schreiben zu können und bekam Privatunterricht bei Großmama. Da ich dann mit 5 Jahren schon lesen und schreiben konnte, wurde ich kurzerhand eingeschult. Unsere Schule war ein Zauberort, acht Volksschulklassen saßen dort in einem ziemlich schäbigen Raum auf harten Bänken. Mein Opa dirigierte mit großer Kunstfertigkeit und Autorität den Lernprozess, wie im Zirkus der Dompteur die Bestien, alles war in Bewegung und jede Klasse wurde parallel mit unterschiedlichen Aufgaben versorgt. Vorne leierte die erste Klasse das ABC, dahinter wurde geschrieben, dahinter gerechnet usw. und es gab kaum Störungen oder Leerlauf. Wir haben viele Streiche ausgeheckt, aber nie bei meinem Opa im Unterricht. Das lag zum einen daran, dass wir einen Ehrenkodex hatten,  der besagte, wenn man was ausgefressen hatte und gefragt wurde, wer es gewesen war, dann hat man sich gemeldet, immer und ohne wenn und aber. Der zweite Punkt war, dass die gröberen Streiche bei den Buben mit der Weidenrute geahndet wurden, das variierte zwischen  drei und fünf Schlägen. Diese Bestrafung verlief in einem festen Ritual. Man kam nach vorn, Opa holte die Gerte, hielt einem am Hosenboden fest und dann gab es Saures. Das tat schon ordentlich weh. Aber das Ritual schrieb vor, dass man mit versteinertem Gesicht zu seinem Sitzplatz zurückging, dort den Kopf in den Armen versenkte und so „unsichtbar“ wurde. Wenn der gröbste Schmerz verschwunden und die Tränen getrocknet waren, dann konnte man den Kopf hochnehmen und die Welt war wieder OK.

Der Pfarrer, der ab und an mal zum Religionsunterricht kam, war nicht so geachtet und musste daher gelegentlich Streiche über sich ergehen lassen. So haben wir ihm z.B. eine  Mäusefalle in den Gang gestellt, da er beim Vortrag immer nach oben, gewissermaßen in den Himmel schaute. Er hat die Falle aber doch gesehen, bevor sie zuschnappte, zornig die Intention verstanden und sie impulsiv durch den Raum geschleudert. Sie hat aber nur ein paar Blumen beschädigt.

Wenn ich an die Vergabe der Musiknote denke, muss ich heute noch schmunzeln. Jeder wurde gefragt, ob er vorsingen wolle. Für Buben war es Ehrensache, dass man nicht sang – Weiberkram – dann bekam man eine vier als Note. Die Mädchen sangen fast alle und egal wie schauerlich es auch klang, sie bekamen eine zwei.

Dann war da noch die Geschichte mit dem Rauchen. Vorher muss ich aber erklären was „urschen“ heißt. Das ist schlesisch und steht für verschwenden oder vergeuden und ist etwas sehr Verdammenswertes, d.h. man vermeidet es , wenn irgend möglich.  Also mein Onkel Hugo, der gelegentlich bei uns zu Besuch war, rauchte und imponierte mir irgendwie auch sonst, da er  aus einer anderen Welt kam und mir gelegentlich für das Zigarettenholen großzügig 50 Pfenning gab. Das war viel Geld, allerdings auch ein weiter Weg bis zum Dorfzentrum, ca. 1 Std. Gehweg hin und zurück. Da konnte ich mir dann als Lohn ein paar „Amerikaner“  (Ufo-förmiges Gebäck mit Zuckerguss) zu 10 Pfennig das Stück in der Bäckerei Helfberend erstehen. Es reichte aber eben auch für eine Packung Juno mit 6 Zigaretten und ich wollte doch unbedingt herausbekommen, was am Rauchen so toll sein musste. Versteckt in einem Kornfeld merkte ich dann schon nach den ersten Zügen, dass Rauchen keine Freude, sondern nur Teergeschmack im Mund und Husten bedeutet. Was tun mit der restlichen Packung? Mit nach Hause nehmen kam natürlich nicht in Frage, urschen (= wegschmeißen)  war moralisch nicht möglich, also musste ich eine nach der anderen aufrauchen. Nach Hause kam ich dann schon hellgrün im Gesicht, stinkend wie eine frisch geteerte Straße und Großmama sah sofort, dass hier keine Strafpredigt, sondern pflegerische Maßnahmen angesagt waren, mir war so hundselend. Und ich war dann auch zwei Tage krank und musste nicht zur Schule.

Damals waren ja noch Besatzungstruppen stationiert und wir gehörten in den britischen Bereich. Die Engländer waren meistens schlecht gelaunt, hochnäsig und mit sich selbst beschäftigt, daher für uns uninteressant. Da war es dann eine kleine Sensation, als mal die Amerikaner zu einem Manöver bei uns in der Gegend waren. Die waren spaßig aufgelegt, kinderfreundlich und es wurde erzählt: wenn man sie anstrahlte und „Chewinggum“ (weiß leider nicht mehr, wie ich das ausgesprochen habe, denn niemand in unserer Umgebung konnte Englisch) sagte, bekam man ein Kaugummi. Sowas gab es bei uns nicht und daher verklärte sich das Kaugummi zu einem höchst ersehnenswerten Ziel, etwa so wie der magische Ring im Herrn der Ringe. Als es dann irgendwann einmal hieß, Amis seien in der Nähe, bin ich hastig aufgebrochen und habe sie gesucht – und schließlich auch gefunden. Irgendwo standen ein paar Armeelastwagen mit feixenden, hemdsärmligen und tatsächlich Kaugummi kauenden Amerikaner herum, eingekreist von  einer Horde erwartungsfroher Kinder. Und es hat alles gestimmt - ich habe ein Kaugummi geschenkt bekommen und war glücklich, bis es sich irgendwann aufgelöst hat.